Wir unterrichten Kinder, keine Fächer!
 


Wir unterrichten Kinder, keine Fächer!

DIE KONFERENZ DER SIEBEN DIREKTOREN
(geschrieben von Direktorin Barbara Egger)


In meiner Direktion hängt eine Bilderwand. Nicht die Bilderwand aller Direktoren. Nur die derjenigen, die nicht mehr unter uns sind. Die anderen gehören noch nicht dorthin. Zum Glück! Denn wer dort hängt, hat seine Geschichte bereits zu Ende erzählt. Wir anderen schreiben noch daran ...


An dieser Direktorenwand hängen sieben Männer: Roman Sattler, Otto Wex, Eduard Brandl, Peter Angerer, Walter Knapp, Hugo Feix, Josef Hatzl. Zusammen mehr als siebzig Jahre Schuldirektion. 

Manchmal stelle ich mir vor, dass die sieben Direktoren aus ihren Bilderrahmen steigen. Nicht oft. Nur einmal im Jahr. Und zwar genau in der Nacht vor Schulbeginn. Dann halten sie ihre jährliche Direktorenkonferenz ab. Und wie bei allen Direktorenkonferenzen dauert es keine drei Minuten, bis gestritten wird. 

Roman Sattler eröffnet die Sitzung. Das lässt er sich nicht nehmen, schließlich hat er die Schule 1921 gegründet. Und darauf weist er auch regelmäßig hin. "Meine Herren", sagt er, "eine gute Schule braucht Mut." "Unsinn", widerspricht Otto Wex, "eine gute Schule braucht Menschen, die durchhalten, wenn alles zusammenbricht!" "Noch größerer Unsinn", entgegnet Eduard Brandl, "eine gute Schule braucht Menschen, die nach einem Zusammenbruch wieder aufbauen!" Peter Angerer verschränkt die Arme: "Eine gute Schule braucht Lösungen!" Walter Knapp schüttelt den Kopf: "Eine gute Schule braucht gute Lehrer!" Hugo Feix lächelt: "Und gute Ideen!" Josef Hatzl lehnt sich zurück: "Und jemanden, der diese Ideen auch umsetzt!"

Der Streit nimmt Fahrt auf. Bald fliegen Begriffe durch die Luft: Unterricht! Lehrpläne! Gebäude! Disziplin! Innovation! Leistung! Führung!

Roman Sattler erwähnt dreimal die schwierigen Raumverhältnisse. Otto Wex erinnert alle daran, dass er Krieg und Zusammenbruch erlebt habe. Walter Knapp spricht so leidenschaftlich über Lehrkräfte, dass die anderen schon die Augen verdrehen. Und irgendwann weiß niemand mehr, worüber eigentlich gestritten wird.

Da geht plötzlich die Tür auf. Ein Kind kommt herein. Die sieben Direktoren verstummen sofort. Das Kind schaut erst die Männer an, dann die Bilderrahmen, dann wieder die Männer. "Wer seid ihr?", fragt es neugierig. "Wir sind die Direktoren dieser Schule!" "Alle?", bohrt das Kind nach. "Ja, alle."

Das Kind schaut nachdenklich auf die Bilderrahmen: "Dann seid ihr ja alle gestorben." Die Direktoren wechseln verlegene Blicke. "Technisch gesehen, ... ja", antwortet Hugo Feix. "Interessant", sagt das Kind. Dann setzt es sich einfach dazu.

"Und worüber streitet ihr?", fragt es interessiert. "Darüber, was eine gute Schule ausmacht", antwortet Roman Sattler. Das Kind nickt: "Ach so ... Das weiß ich." Die sieben Direktoren verstummen erneut. "Du weißt das?", fragt Walter Knapp ungläubig. "Ja", erwidert das Kind. "Dann erzähl mal", schmunzelt Josef Hatzl.

Das Kind denkt lange nach. Sehr lange. Dann sagt es: "Eine gute Schule ist die, in die man mit Bauchweh hineingeht ... und aus der man mit einem besseren Gefühl wieder hinausgeht." Plötzlich sagt niemand mehr etwas. Das Kind spricht weiter: "Manchmal habe ich Angst. Manchmal freue ich mich. Manchmal bin ich traurig. Manchmal bin ich wütend - passiert halt."

"Und was hilft dir dann?", fragt Roman Sattler leise. "Menschen", erwidert das Kind lächelnd. "Welche Menschen?" "Die Lehrerin, die merkt, dass etwas mit mir nicht stimmt. Der Lehrer, der auf mich wartet. Die Erwachsenen, die sich mit mir freuen."

Jetzt herrscht völlige Stille. Zum ersten Mal seit mehr als 100 Jahren hat keiner der sieben Direktoren eine Gegenrede. Schließlich steht Roman Sattler auf. Langsam. Nachdenklich. "Meine Herren", sagt er, "wir haben mehr als 100 Jahre lang diskutiert, was eine gute Schule ist." Er schaut zum Kind. "Und jetzt erklärt es uns ein Kind in drei Minuten."

Die anderen beginnen zu lachen. Zuerst Hugo Feix, dann Josef Hatzl, dann sogar Peter Angerer. Schließlich lachen alle. Roman Sattler wischt sich lachend über die Stirn: "Vielleicht haben wir immer die falsche Frage gestellt." "Welche?", fragt Otto Wex. Roman Sattler schaut wieder auf das Kind: "Nicht: Wie funktioniert Schule, sondern: Wie fühlt sie sich an?" 

Niemand widerspricht. Da meldet sich das Kind noch einmal: "Darf ich auch noch etwas sagen?" "Natürlich", antwortet Roman Sattler. Das Kind überlegt kurz. Dann schaut es die sieben Direktoren an. "Wenn ich einmal erwachsen bin, werde ich mich wahrscheinlich nicht mehr an jede Mathematikstunde erinnern." Die Direktoren nicken verständnisvoll. "Vielleicht erinnere ich mich nicht einmal mehr an jede Lehrerin und jeden Lehrer." Jetzt wird es ganz still. "Aber ich glaube, ich werde mich immer daran erinnern, wie ich mich hier gefühlt habe."

Niemand sagt etwas. Draußen wird es langsam hell. Zeit für die sieben Direktoren, in ihre Bilderrahmen zurückzukehren: Josef Hatzl steigt als Erster zurück. Dann Hugo Feix. Dann Walter Knapp. Dann Peter Angerer. Dann Eduard Brandl. Dann Otto Wex. 

Roman Sattler bleibt als Letzter zurück. "Und", fragt das Kind, "was ist jetzt die richtige Antwort?"

Roman Sattler lächelt: "Eine gute Schule wird nicht nur daran gemessen, was Kinder lernen. Sie wird auch daran gemessen, was Kinder fühlen, während sie lernen."

Das Kind nickt zufrieden. Roman Sattler legt die Hand an seinen Bilderrahmen. Dann sagt er: "Wenn nach 105 Jahren immer noch Menschen da sind, die sich kümmern, die trösten, die sich mit Kindern freuen, die Hoffnung geben, die Geduld haben, die zuhören, die an Kinder glauben, und die jeden Morgen wieder von Neuem anfangen ... dann geht es dieser Schule gut."

Er schaut noch einmal zum Kind. Dann in Richtung Konferenzzimmer. Dann in die Zukunft. Und kurz bevor er verschwindet, fügt er noch hinzu: "Und morgen kommen wieder solche Menschen!"

Am nächsten Morgen hängen die sieben Direktoren wieder schweigend an ihrer Wand, als wäre nichts gewesen. Aber ich glaube, in dieser Nacht haben sie sich zum ersten Mal auf etwas einigen können:

Kinder vergessen manches, was wir unterrichten. Aber sie vergessen nie, wie sie sich bei uns gefühlt haben. Darum zählt jedes Gefühl. Und genau deshalb beginnt am Montag wieder ein neues Schuljahr.